Antrisch – das exklusive Interview mit Lucy_unleashed

(Antrisch live, Photo: Lucy_unleashed)

Lucy_unleashed bat die deutsche Black-Metal Band Antrisch vors Mikro. Das ausführliche Interview könnt Ihr hier bei uns lesen:

Lucy_unleashed: „Bevor wir in Eis, Wahnsinn, Geschichte, Abgrund und Vollmond geraten: Stellt Euch doch bitte kurz vor. Wer seid Ihr, wer übernimmt bei Antrisch welche Rolle – und die wohl irdischste aller Fragen: Könnt Ihr von der Musik leben oder gibt es noch ein geheimes Tagesleben dahinter?“

(Antrisch live, Photo: Lucy_unleashed)

Lucy_unleashed: „Ich gebe zu: Nach Eurem Auftritt im Hellraiser Leipzig hätte ich Euch beruflich irgendwo zwischen Quantenphysik, Theologie, Linguistik und Bestattungsinstitut verortet – vielleicht mit Nebenfach Expeditionspsychose und gelegentlicher Absinth-Feldforschung. Wie nah liege ich damit?“

MW: „Denkbar fern. Ohne Frage allesamt interessante und spannende Disziplinen, aber die Realität siedelt sich sehr ernüchternd irgendwo zwischen IT, Industrie & Grafikdesign an.“

Lucy_unleashed: „Wenn Antrisch ein nächtliches Treffen zwischen Nietzsche, Kafka und Dostojevski bei drei Flaschen Absinth unter Vollmond wäre: Wer würde zuerst sprechen – und wer würde am Ende schweigen?“

MW: „Interessant, dass Du diese Referenzen als Schwerpunkte herausliest. Also abgesehen von der Tatsache, dass ich noch nie Alkohol getrunken habe und vermutlich für besagte Absinth-Session gar nicht qualifiziert wäre, muss ich von vornherein einräumen, dass ich mich nie mit Dostojevski beschäftigt habe, und diesen somit zwangsläufig zum Schweigen verdammen muss, um ihm und seinem Erbe kein Unrecht durch gefährliches Halbwissen anzutun. Ich würde mal mutmaßen, dass der kafkaesque Surrealismus sich eher in wenigen, wohlgesetzten Satzspitzen äußern würde, wie ein Blitz, der sich vor dem dräuenden Gewölk nietzscheanischer Tiefe und Wortgewalt kurz, aber intensiv kontrastiert. Ich glaube, der Drang wäre bei Nietzsche größer, Wort zu ergreifen, während Kafka eher darum bitten würde und das Wechselspiel aus polternder, belehrender Mahnung und brachialen Imperativ auf der einen Seite und dem an nüchterner, irgendwie lebensnaher Tragik schwangeren Symbolismus auf der anderen bildet den Nährboden, auf dem ein Antrisch-Konzept aus beiderlei Saat gedeiht. Nietzsche würde vermutlich eher schweigen, aber nicht aus Kapitulation, sondern weil er im übertragenen Sinn heißer brennt und folglich schneller verglüht.“

(Antrisch live, Photo: Lucy_unleashed)

Lucy_unleashed: „Beginnt ein Antrisch Song eher mit einem historischen Thema, einer musikalischen Idee oder mit einem inneren Zustand, der dringend vertont werden muss?“

MW: „Ersteres. Am Anfang jedes Albums steht das Konzept inklusive aller Texte. Diese dienen als Grundgerüst und somit quasi als atmosphärischer Kompass, an dem sich die einzelnen Kompositionen in ihrer jeweiligen Grundstimmung und Struktur ausrichten.“

(Antrisch, Die Alben)

Lucy_unleashed: „Eure Musik wirkt wie eine Expedition – nicht nur geografisch, sondern tief hinein in menschliche Grenzbereiche. Was interessiert Euch mehr – der äußere Untergang oder der innere Kontrollverlust?“

MW: „Muss ich da zwingend eine Wahl treffen? Ich habe mich mit einigen historischen Expeditionen unterschiedlichster Art beschäftigt und bin dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass das Eine das Andere stets zu bedingen scheint. „Reiz“ haben sicherlich beide Aspekte und im Spannungsfeld dazwischen ist mein konzeptioneller Anspruch angesiedelt.“

Lucy_unleashed: „Wie viel Recherche steckt in Euren Konzepten, und ab welchem Punkt wird daraus künstlerische Besessenheit?“

MW: „Das Besessenheit im Spiel ist, lässt sich nicht bestreiten, allerdings entsteht diese weniger aus der Recherchearbeit – wobei auch diese ein gewisses Potential birgt, sich in den Details zu verlieren und sich an winzigen Aspekten manisch festzubeißen – sondern im Grunde eher in der Auseinandersetzung mit und Versenkung in die mutmaßliche Gedankenwelt des/der Protagonisten. An dem Punkt, an dem belegbare Historie endet und die tiefere Auseinandersetzung mit dem Seelenleben der teilnehmenden Akteure beginnt, lauert die Besessenheit. Ich muss dazu kurz erklären, dass das Verfassen meiner Lyrics in drei Phasen erfolgt. Die erste ist eine rein intuitive, in der ich brainstormmäßig alles niederschreibe, was mir zu dem Thema einfällt. Im zweiten Schritt folgt die geschichtliche Unterfütterung, quasi eine Ausrichtung an historischer Korrektheit. In dieser Phase kommt die Recherche ins Spiel. Die dritte und spannendste Phase ist die Verbindung von Text und Musik, in der nochmals eine enorme Energie freigesetzt wird, die sich meistens zum Leidwesen von Mr. Scott in einer exorbitanten Erweiterung der Lyrics niederschlägt.“

(Antrisch live, Photo: Lucy_unleashed)

Lucy_unleashed: „Eure Texte haben eine sehr eigene sprachliche Wucht. Was kann Deutsch für Antrisch, was Englisch vermutlich nicht könnte?“

MW: „Danke sehr. Naja, einem Muttersprachler ist ja per se schon ein ganz anderes sprachliches Rüstzeug an die Hand gegeben und gerade für die zugegebenermaßen etwas verschrobene Art, wie ich mit der deutschen Sprache spiele, Sprichwörter verdrehe bzw ins Gegenteil verkehre, Doppeldeutigkeiten einbaue und Neologismen schaffe, müsste ich Jahre intensiven Lernens aufbringen, um mir auch nur ansatzweise eine adäquate Entsprechung im Englischen anzueignen.“

Lucy_unleashed: „Live hatte ich das Gefühl, dass Performance, Gesang und Musik nicht einfach nebeneinanderstehen, sondern wie ein einziges fiebriges Bewusstsein funktionieren. Wie bewusst ist diese Wirkung geplant?“

MW: „Ist so etwas planbar? Also natürlich gibt es wenig, das wir dem Zufall überlassen, dafür ist der Grad an Detailversessenheit und Konzepttreue einfach zu ausgeprägt; allerdings kommt live noch ein Aspekt hinzu, der nicht steuer- oder planbar ist, nämlich die Art und Qualität an Energie, die ausgetauscht wird. Je enger gepackt der Club und je frenetischer die Besucher, desto mehr befeuert uns das, mich im Speziellen. Ich variiere auch in Gestik und Bewegung, da existiert keine statische Choreografie. Ich glaube, dass durch das strenge Konzept eine Ganzheitlichkeit im Mindset der Band erzeugt wird, die sich dann in unserer Live-Darbietung als stimmig und dicht äußern kann. Zumindest wäre das unser Anspruch.“

(Antrisch live, Photo: Lucy_unleashed)

Lucy_unleashed: „Bei Euch ist Dunkelheit nicht bloß Atmosphäre, sondern fast Erkenntnisraum. Wie verhindert Ihr, dass Düsternis zur Pose wird?“

MW: „Schlicht und einfach, indem wir nicht zu Posern werden. 😉 Spaß beiseite, ich benötige keinen Satan, kein Wühlen in Esoterik oder Sudeln im Okkultismus, um Dunkelheit fühl- und erlebbar zu machen. Die Dunkelheit, mit der ich mich auseinandersetze, ist eine echte. Was ich erzähle, ist wirklich passiert und die Seelenabgründe, in die ich mich begebe und die ich wiederzugeben versuche, sind so authentisch wie möglich angelegt und zumindest in Teilen für jeden und jede nachvollziehbar und nachempfindbar, was in Summe dazu führt, dass unserem Tun immer eine Form von Wahrhaftigkeit zugrunde liegt und mitschwingt.“

Lucy_unleashed: „Welche historische Figur oder welches Ereignis wäre für Euch „Antrisch-tauglich“ – braucht es dafür Scheitern, Größenwahn, Tragik oder Wahnsinn?“

MW: „Also zumindest das Scheitern halte ich für elementar. Wenn eine Expedition erfolgreich und ohne Verluste vonstatten geht und alle Teilnehmer glücklich und bereichert nach Hause zurückkehren, dann ist das doch recht schwierig in ein Black Metal Konzept zu kleiden, wo wir wieder bei Düsternis wären. Expedition I schrieb ich eher unter den Gesichtspunkten Selbstüberschätzung und tödliches Scheitern, während Expedition II tatsächlich die Tragik als Leitfaden hatte. Bei Lope de Aguirre kamen alle oben genannten Aspekte zusammen, was natürlich für das Konzept von Expedition III eine mehr als „glückliche Fügung“ darstellte.“

(Antrisch live, Photo: Lucy_unleashed)

Lucy_unleashed: „Wenn Eure Musik eine Warnung ausspricht: Wovor warnt sie – vor der Natur, vor Gott, vor dem Menschen oder vor dem, was der Mensch aus sich macht, wenn niemand mehr hinsieht?“

MW: „Am ehesten vor zu einseitiger und eindimensionaler Betrachtung und Beurteilung. Im Grunde klingt mir „Warnung“ etwas zu sehr nach Anleitung/Einflussnahme/Bevormundung, was mir im Grunde gar nicht liegt, ganz im Gegenteil. Ich habe schon häufiger in Interviews betont, dass ich mit meinen Geschichten und meinem Erzählstil keineswegs moralisieren will, ich appelliere nicht und warne nicht, das überantworte ich der Eigenleistung der Hörerschaft oder Konzertbesucherschaft. Zwar nehme ich dann und wann die Position eines zynisch kommentierenden Beobachters ein, aber ich vermeide es tunlichst, zeitgeistgeprägte Maßstäbe anzulegen oder Geschehenes durch die Brille der Vorstellungswelt von 2026 verzerrend und wertend wiederzugeben. Ich bin weder Moralist noch Prediger, kein Eiferer und auch kein Weltverbesserer oder von sonst irgendeinem Sendungsbewusstsein Beseelter, ich bin maximal ein Geschichtenerzähler. Was die Leute damit anfangen und wie tief sie sich darauf einlassen, überlasse ich jedem individuell, es steht mir nicht an, darüber zu verfügen oder auch nur zu urteilen.“

Lucy_unleashed: „Was soll nach einem Antrisch-Konzert im Publikum zurück bleiben: Erschöpfung, Verstörung, Katharsis – oder das unangenehme Gefühl, etwas über sich selbst verstanden zu haben?“

MW: „Gute Frage. Die Antwort fügt sich nahtlos an die vorangegangene: es gibt keine Vorgabe, was Du nach einer Live-Expedition fühlen sollst, musst oder darfst. Wenn Du damit zufrieden bist, 50 Minuten Eskapismus genossen zu haben und anschließend ohne Nachhall wieder in den Alltag zurückkehren zu können, ist das genauso in Ordnung, wie wenn Du einfach eine energiegeladene BM-Show sehen und Dich nach einer Scheißwoche mal richtig abreagieren musst. Unsere Idealvorstellung ist es, Konzertbesucher mit dem ersten Ton in die Erzählung hineinzulegen, ihn oder sie alle Emotionen und Dramen intensiv durchleben zu lassen und erst mit dem Verklingen des letzten Tons wieder freizulassen. Natürlich sind unsere Konzerte keine, die Dich am Schluss mit einem versöhnenden Gefühl entlassen, ein bitterer Beigeschmack ist unserer Sache demnach durchaus zuträglich. Wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, drängt sich zwangsläufig der Eindruck auf, dass die Menschheit auch nach tausenden Jahren noch nichts über sich selbst gelernt hat, aber wenn es ganz individuell und im Kleinsten passiert, dass wir vielleicht einen Funken entfachen oder eine Saat pflanzen für Interesse an Gewesenem, Auseinandersetzung mit seelischen Untiefen und Reflektion über die eigenen Abgründe, dann haben wir wirklich viel erreicht.“

Lucy_unleashed: „Und zum Schluss: wenn Antrisch kein Bandname wäre, sondern eine Berufsbezeichnung – was würde auf Eurer Visitenkarte stehen?“

MW: „Falls Du auf den Anstrich-Gag hinauswillst, wäre eine adäquate Bezeichnung wohl „Maler- & Putzereibetrieb“. In einer ernsthaften Variante würde ich „Expeditionspartner ins tiefe Innere & extreme Äußere“ bevorzugen. Herzlichen Dank für Dein Interesse an unserem Schaffen und die wirklich außergewöhnlichen, kreativen Fragen.“

Das Interview führte Lucy_unleashed

(Lucy_unleashed)