Zwanzig Jahre. Ein Bandname, der vom Verstummen erzählt. Und Musik, die sich diesem Verstummen bis heute widersetzt. Our Ceasing Voice sind zurück – mit „The Origin of Everything“, einem Album über Erinnerungen, Veränderung und alles, was von uns bleibt, wenn die Jahre dazwischenfunken. Zwischen mächtigen Gitarrenwänden und Momenten beinahe schmerzhafter Stille entfaltet sich eine Klangwelt, die nicht um Aufmerksamkeit bettelt. Sie nimmt sich ihren Raum.
Für x-Act habe ich mit Sebastian und Dominik über das Vatersein, alte Wunden, Scham beim Offenlegen eigener Songs, die Schutzmauern der Tiroler Berge und über die vielleicht wichtigste Frage gesprochen: Was bleibt, wenn irgendwann alles andere verschwindet? Die Antworten sind manchmal knapp, manchmal entwaffnend offen. Genau das macht dieses Gespräch aus.
Die Band auf einen Blick
Herkunft: Innsbruck, Tirol | Gründung: 2006 | Stil: Post-Rock / Post-Metal | Aktuelles Album: The Origin of Everything (2026), vierter Longplayer | Im Interview: Sebastian und Dominik. Charakteristisch sind atmosphärische Passagen, wuchtige Gitarren, ausgeprägte Dynamik und tiefe, raue Vocals.

Das Interview
x-Act: „Euer Album heißt „The Origin of Everything“. Das ist schon fast größenwahnsinnig groß — im besten Sinne. Deshalb keine harmlose Einstiegsfrage: Wenn ihr den Ursprung von allem benennen müsstet, was Our Ceasing Voice heute ist — wäre es ein Ort, ein Mensch, ein Gefühl oder vielleicht sogar eine Wunde?“
Sebastian: „Ich glaube, der Ursprung dieser Band liegt in der Leidenschaft für Musik. Sie zu hören, was sie mit einem macht – das fand ich so faszinierend, dass ich selbst Musik machen wollte.“
x-Act: „Euer Bandname hat mich schon immer fasziniert. Our Ceasing Voice klingt nach etwas, das leiser wird, verschwindet, verstummt. Und trotzdem seid ihr zwanzig Jahre später noch da. Seid ihr einfach erstaunlich schlecht im Verstummen – oder gehört die Stille ganz wesentlich zu dieser Band?“
Sebastian: „Wohl beides. Wir hatten immer wieder längere Pausen – unser letztes Album kam 2017 raus – wo die Band ein wenig in den Hintergrund getreten ist. Aber ganz los lässt sie uns nie.“
x-Act: „Sebastian, Vater zu werden verändert die Bedeutung von „Ursprung“ vermutlich ziemlich radikal. Plötzlich bist du selbst der Anfang von jemand anderem. Gab es einen Moment, in dem du dein Kind angesehen hast und gemerkt hast, dass plötzlich auch deine eigene Kindheit wieder mit im Raum steht?“
Sebastian: „Viele. Einen davon hab ich in „The Exit Wound Blues“ verarbeitet. Da haben wir am Dachboden durch meine alten Spielsachen gewühlt und da habe ich genau dieses Gefühl gehabt. Dass da neben meinem Sohn auch meine Kindheit im Raum steht und dass sich die beiden wohl ziemlich gut kennen.“

X-Act: „The Man You Wanted Me To Be ist einer dieser Titel, die schon eine Geschichte erzählen, bevor man überhaupt den Song gehört hat. Wer wollte, dass du jemand anderes wirst?“
Sebastian: „Vor allem ich selbst.“
x-Act: „Dominik, wenn du Worte singst, die aus einem sehr privaten Ort eines anderen Menschen kommen: Wo stehst du dann selbst? Erzählst du seine Geschichte — oder musst du in dir etwas finden, das an genau derselben Stelle weh tut?“
Dominik: „Ich versuche mich immer in dieses Gefühl oder in diesen Moment hineinzuversetzen und es so wiederzugeben, wie ich das Empfinden habe, dass es sich stimmig anfühlt. Gerade bei den Aufnahmen lasse ich mich aber auch sehr gerne von Sebastian leiten. Nicht nur um ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, sondern um es auch bestmöglich umzusetzen, weil ich in diesen Momenten seine Stimme bin.“
x-Act: „Einen Song allein zu schreiben und ihn dann anderen zu zeigen, hat etwas unglaublich Intimes. Fast so, als würde man jemandem einen Brief geben, der eigentlich nie gelesen werden sollte. Gab es schon einmal einen Moment, in dem du einen Song zur Band gebracht und sofort gedacht hast: Scheiße, jetzt wissen sie zu viel über mich?“
Dominik: „Absolut. Ich kann mich erinnern, dass ich dieses Gefühl bei Chival hatte. Es war wie eine Art Verlegenheit gemischt mit Schamgefühl. Ich musste mich wirklich überwinden, die damalige Demo abzuspielen und sah die ganze Zeit auf den Boden, während wir alle das Lied anhörten. Danach war es ein wahnsinniges erleichterndes Gefühl, besonders als die anderen dafür stimmten, dass es mit aufs Album kommen sollte. Das hat für mich wirklich eine neue Art von Vertrauen untereinander geschaffen, wofür ich wahnsinnig dankbar bin.“
x-Act: „Eure Musik baut sich oft langsam auf, bevor sie plötzlich riesig wird. Ich liebe genau diese Momente, weil der Ausbruch nur funktioniert, wenn die Stille davor gefährlich genug ist. Was macht euch musikalisch mehr Angst: zu viel Lärm oder zu viel Leere?“
Dominik: „Mehr Angst macht mir wohl der Lärm. Wenn ich merke das ein Song bereits ideal ausbalanciert ist, fällt es mir oftmals schwer stimmlich viel dazu beizutragen ohne dass es schnell überfüllend wirkt. Geht es darum nur zuzuhören, kann es mir oftmals nicht laut genug sein.“
X-Act: „Ihr kommt aus Innsbruck, umgeben von Bergen, die immer als wunderschön beschrieben werden. Aber Berge können auch wie Mauern wirken. Lehrt einen das Aufwachsen hier eher Freiheit — oder Klaustrophobie?“
Dominik: „Berge haben für mich etwas wahnsinnig Beschützendes. Zudem sind sie ein großartiger Orientierungspunkt. Wenn ich keine Berge sehen kann, fühle ich mich sehr schnell verunsichert und in gewisser Weise verletzbar. Berge helfen mir außerdem, immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass es da noch eine andere Seite gibt und Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Besonders wenn man hier aufgewachsen ist, ruft es absolut kein klaustrophobisches Gefühl hervor, ganz im Gegenteil. Es macht einem eher bewusst wie viel man im Grunde noch gar nicht gesehen beziehungsweise entdeckt hat.“
x-Act: „Es gibt diese romantische Vorstellung, dass Musiker leiden müssen, um wirklich bedeutungsvolle Musik zu schreiben. Ich finde, das wird ziemlich schnell zu kompletter Scheiße. Braucht ihr Dunkelheit, um zu schreiben — oder habt ihr gelernt, kreativ zu sein, ohne euch selbst dafür zu opfern?“
Dominik: „Mit der Zeit habe ich für mich herausgefunden, dass es beides braucht. Ich kann wesentlich besser schreiben, wenn ich mich in einer Gefühlslage befinde, die mich zu erdrücken scheint. Wenn es aber dann darum geht ein Lied oder einen Text auszuarbeiten, brauche ich einen gewissen Abstand, da ich sonst zu selbstkritisch werde und oftmals komplett aufhöre an etwas zu arbeiten. Distanz ist oft wirklich ausschlaggebend.“
x-Act: „Ab wann wird Melancholie schön – und wann wird sie einfach nur selbstverliebt?“
Sebastian: „Wenn sie sich echt anfühlt, dann ist es schön. Es braucht Mut, verletzlich zu sein.“
x-Act: „Ich stelle Bands gern eine etwas unfaire Frage: Welcher Song auf diesem Album kennt euch am besten?“
Sebastian: „The Exit Wound Blues hat mir Seiten von mir gezeigt, die ich selbst noch nicht kannte. Also wahrscheinlich der.“
x-Act: „Nach zwanzig Jahren: Fühlt sich Our Ceasing Voice noch wie Freundschaft an, wie Kunst, wie Therapie, wie Verpflichtung — oder ist es inzwischen etwas ganz Eigenes, für das es gar keinen richtigen Begriff gibt?“
Sebastian: „Ich verdanke dieser Band echt viel. Die Freundschaften, die ich aufgrund dieser Band geschlossen habe, werden mich für immer begleiten, auch wenn ich viele der Menschen kaum noch sehe. Das sind Erinnerungen, die man einfach nicht vergisst. Dann habe ich durch die Musik einen Weg gefunden, meine Gefühle auszudrücken und in ihr auch ein Hobby, im besten Sinn des Wortes. Stundenlang Musik zu machen, Songs zu schreiben, zu mischen – das ist Zeitvertreib, der meiner Zeit einen Sinn gibt. Für mich ist die Musik in diesem Sinn therapeutisch. Ich muss mir nichts „von der Seele“ schreiben, aber Dingen einen Raum geben. Manchmal landen diese Dinge dann in Songs, manchmal geistern sie beim Klimpern auf dem Klavier in meinem Kopf rum und machen sich währenddessen aus dem Staub Und wenn am Ende etwas rauskommt, das andere Menschen auf gewisse Weise berührt, ihnen hilft, ihre Dinge zu sortieren, zu ignorieren oder sonst was – dann ist das doppelt schön.“
x-Act: „Letzte Frage. Stellt euch vor, morgen verschwindet alles: die Platten, Reviews, Spotify, Fotos, sogar der Bandname. Eine einzige Person erinnert sich an genau eine Sache über Our Ceasing Voice. Was soll es sein?“
Dominik: „Verbundenheit.“
Quick & Dirty – nicht nachdenken
- Berge oder Meer?
- Dominik: Berge
- Sebastian: Berge
- Stille oder Verzerrung?
- Dominik: Stille
- Sebastian: Stille
- Nachtfahrt oder Sonnenaufgang?
- Dominik: Nachtfahrt
- Sebastian: Nachtfahrt
- Vinylknistern oder völlige Stille?
- Dominik: Vinylknistern
- Sebastian: Stille, ohne Tinnitus!
- Ein Song, den ihr selbst gerne geschrieben hättet
- Dominik: Katatonia – „Unfurl“
- Sebastian: Beatles – „The Long and Winding Road“
- Der schönste Klang, der keine Musik ist?
- Dominik: Der Nachhall von Donner
- Sebastian: Lachen
- Etwas, das ihr verloren habt und trotzdem noch mit euch tragt?
- Dominik: Das Gefühl von „für-immer“
- Sebastian: Jugend
- Und ganz zum Schluss: Was ist der Ursprung von allem – nur ein Wort?
- Dominik: Nichts
- Sebastian: Alles
Nicht verstummen. Laut werden. — Record Release im pmk

Am Freitag, 30. Oktober 2026, kehren Our Ceasing Voice dorthin zurück, wo sie einst ihr Live-Debüt feierten: auf die Bühne des pmk in Innsbruck. Dort feiern sie „The Origin of Everything“ und zugleich 20 Jahre Bandgeschichte. Ein Abend für alle, die Musik nicht nur hören, sondern spüren wollen – zwischen Stille und Druckwelle, Erinnerung und Aufbruch. Mit dabei: NUTCRACKER und das Wiener Instrumentalrock-Duo LE MOL.
Freitag, 30.10.2026 • pmk Innsbruck, Viaduktbogen 18-20 • Einlass 20:00 Uhr • Beginn 21:00 Uhr • Vorverkauf € 13 /Abendkasse € 15
Interview – Lucy_unleashed


