In der Music Hall in Innsbruck traf X-Act Marc Lynn von Gotthard zum Interview

(Gotthard live Music Hall Innsbruck, Photo: Michael Stecher / X-Act)

Am 18. Juli spielten Gotthard in der Innsbrucker Music Hall ein tolles Konzert. Nach dem Soundcheck beantwortete uns Basser Marc Lynn unsere Fragen.

X-Act: „Seit dem Release Eures Debütalbums sind beinahe 35 Jahre vergangen. Wie ist es, wenn man auf so eine lange Karriere zurückblickt?“

Marc Lynn: „Man nimmt das gar nicht so wahr. Natürlich, wenn man zurück denkt, was man alles erlebt hat, ist es grandios. Mein was aber auch nicht mehr alles, weil so viel passiert ist. Auf der anderen Seite bist du immer noch auf dem gleichen Weg, den du eingeschlagen hast und gehst den einfach weiter. Man hat Spaß dabei, das Team passt und man versucht einfach die Qualität zu bringen und damit ist man eigentlich immer beschäftigt und schaut nicht dauernd zurück, sondern eher noch vorne.“

X-Act: „Mit so vielen Studioalben und Songs im Backkatalog, wie schwierig ist es eine Setlist zusammenzustellen, die Euch und die Fans zufrieden stellt?“

Marc Lynn: „Du hast natürlich ein paar Evergreens, gewisse Songs die müssen ins Set, den Rest füllst du dann auf. Entweder fehlt noch eine Ballade, oder es fehlt noch ein Rocksong. Dann versuchst du auch vier, fünf neue Songs zu platzieren. Auch um die Reaktion des Publikums auf die neuen Songs zu testen. Wir haben im heutigen Set fünf neue Songs von „Stereo Crush“ und „More Stereo Crush“. Wir probieren das einfach einmal aus und schauen wie die neuen Songs ankommen.“

(Gotthard, Marc Lynn live Music Hall Innsbruck, Photo: Michael Stecher / X-Act)

X-Act: „Welche Songs dürfen bei einem Gotthard Konzert nicht fehlen?“

Marc Lynn: „Da sind einmal sicher „Hush“, „Anytime“, „Top of the world“ entweder „Heaven“ oder „One life, one soul“, als Abschluss „Mighty Quinn“. „Lift u up“ darf auch nicht fehlen, das sind halt Partysongs. Bei manchen Songs tun wir uns auch schwer, weil wir den Song im Proberaum nicht gerne spielen, aber beim Konzert muss zum Beispiel „Mountain Mama“ dabei sein. Das ist natürlich die Qual der Wahl, aber eine schöne Qual und über die Jahre haben sich einfach einige Songs herauskristallisiert, die müssen einfach gespielt werden.“

X-Act: „Zwischen „13“ und „Stereo Crush“ liegen ziemlich genau fünf Jahre. „Stereo Crush“ und „More Stereo Crush“ trennen gerade einmal ein Jahr. Wie lange werden Fans nach „More Stereo Crush“ auf neue Songs warten müssen?“

Marc Lynn: „Das kann ich Dir nicht sagen, aber ich bin mir sicher, dass wir nächstes Jahr noch auf Tour sein werden. Bei den fünf Jahren Pause muß man ja auch bedenken, dass davon zwei Jahre Pandemie waren. „13“ wurde unmittelbar vor der Pandemie veröffentlicht. Da wollten wir nach dem Ende der Pandemie natürlich mit den Songs von „13“ touren. Das wir aber wie früher alle zwei Jahre ein Album veröffentlichen werden, ist auch klar, dazu hat sich auch die Musikindustrie zu stark gewandelt.“

(Gotthard live Music Hall Innsbruck, Photo: Michael Stecher / X-Act)

X-Act: Warum habt Ihr Euch bei Stereo Crush für das Cover von „Drive my car“ entschieden?

Marc Lynn: „Wir haben in der Schweiz Volkswagen als Sponsor. Die wollten einen Song von uns für die interne Werbung. Da kamen wir auf den Song und haben das Demo aufgenommen. Nachdem Volkswagen aber schlussendlich einen Gotthard Song wollten, haben wir ihnen einen geliefert und „Drive my car“ für „Stereo Crush“ verwendet.“

X-Act: In einem Radio Interview hast Du gesagt, dass Du aufgrund Deiner Arbeit mit dem  Gedenkkonzert von Steve Lee wenig zum Songwriting an „Stereo Crush“ beigetragen hast. Wie schaut es da bei den Songs für „More Stereo Crush“ aus?

Marc Lynn: „Da es sich bei „More Stereo Crush“ um die gleich Produktion gehandelt hat, gilt das auch für „More Stereo Crush“.

X-Act: Wie kam es zur Duett Version von „Liverpool“ gemeinsam mit Marc Storace? 

Marc Lynn: „Marc kennen wir bereits seit Jahren. Ich habe schon mit ihm einige Benefit-Auftritte gemacht, Nic kennt ihn gut und Flavio spielt ja sowohl bei Gotthard als auch bei Krokus Schlagzeug. Außerdem haben wir das gleiche Management. Der Song Liverpool wurde von Chris und Leo gemeinsam geschrieben. Daher kam dann die Idee.“

(Gotthard live Music Hall, Photo: Michael Stecher / X-Act)

X-Act: „Zum Release von Open habt Ihr in einen Club in München eingeladen. Unter anderem wurde folgende Frage gestellt: Apropos Computerzeitalter. Wird es Gotthard mit Loops und Samples geben? Hast Du geantwortet – „Who knows? Es kommt auch darauf an, wieviel Musik vom Computer – Gotthard wird immer für „Handmade Musik“ stehen. 27 Jahre später sind Loops und Samples nicht mehr das Thema. Wie steht ihr zu KI generierten Songs? Einen kleinen Einblick habt Ihr den Fans ja bereits im Song „AI and I“ gegeben.“

Marc Lynn: „Zur Zeit finden wir KI nicht sehr spannend, weil alles gleich klingt. Es ist auch keine Kreativität dahinter, sondern eine logische Berechnung. Es klingt sehr vieles gleich. Ich persönlich brauche Menschen, Künstler und Geschichten hinter den Songs.“

X-Act: In Zeiten von KI und Streaming – wie wichtig sind für Euch Konzerte und Tourneen?

Marc Lynn: „Wenn man zurück in die 70er schaut waren 90 % des Income der Künstler Vinyl und 10 % die Konzerteinnahmen. Heute ist es umgekehrt. Die Fans sehen es heutzutage auch nicht mehr so, dass sie für die Band oder die Songs bezahlen, sie bezahlen für den Streaming-Dienst.“

X-Act: Kaufen Gotthard Fans noch fleißig CDs und Vinyl oder sind für Euch mittlerweile Konzerte und Merchandise wichtigere Einnahmequellen?

Marc Lynn: „Gerade im Hardrock-Bereich gibt es Gott sei Dank noch Fans, die sowohl CDs und Vinyl als auch Shirts bei den Konzerten kaufen.“

X-Act: Im Juli und im August spielt ihr auf einigen Festivals in Deutschland und in der Schweiz. Welche dieser Festivals reizen Dich aufgrund des Billings und der Location am meisten?

Marc Lynn: „Wir hatten vorletztes Wochenende in Bulgarien ein Open Air, das war der Hammer. Wir waren dort bei der ersten Ausgabe des Festivals vor neun Jahren und heuer waren wir wieder. Es war schön zu sehen, wie das Festival über die Jahre gewachsen ist. Nächste Woche spielen wir Moosbach, Tuttlingen und Esslingen – in Tuttlingen hatten wir immer eine gute Fanbase, in Moosbach spielt Bülent Ceylan im Vorprogramm und in der Nähe von Esslingen habe ich ein Ferienhaus. Das ist sozusagen ein Heimspiel. Da kommen dann viele Kumpels und Freunde vorbei. Während die Jungs wieder in die Schweiz zurückkehren, besetze ich dann die After-Show Location mit meinen Gästen.“

(Marc Lynn mit X-Act Redakteur Michael Stecher, Photo: Jürgen Langer für X-Act)

X-Act: Du stehst gemeinsam mit Freddy Scherer und China anlässlich der 40th Anniversary Tour auf der Bühne. Leo ist mit CoreLeoni unterwegs, Flavio mit Krokus. In Herisau und Riddes spielt ihr gemeinsam mit CoreLeoni. Ist es schwierig die Bandprojekte von Dir und Freddy mit denen von Leo unter einen Hut zu bringen?

Marc Lynn: „Das ist reine Absprache. China ist zweite Reihe, da spielen wir in Clubs, da geht es vor allem um den Spaß. Bei Gotthard ist natürlich eine größere Logistik dahinter. Für alle Bands gibt es aber eine strenge Abstimmung mit dem Booker, so lässt sich das gut einteilen.“

X-Act: Sind diese unterschiedlichen Engagements mit China, Krokus oder CoreLeoni mit ein Grund, dass es bei Gotthard so gut klappt, weil jeder seinen Freiraum hat?

Marc Lynn: „Begonnen hat es mit CoreLeoni, dann haben wir mit China nachgezogen. So hat jeder seine Nebenprojekte und es ist toll, dass man da auf der Bühne stehen kann. Wenn du mit Musik beginnst, willst du ja auf der Bühne stehen und es gibt immer noch viele Fans, die die alten Songs von China hören wollen.“

X-Act: „Ich sehe gerade, du musst weiter, da das Konzert bald beginnt. Vielen Dank für das nette Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit Gotthard und China. Wir sehen uns auf alle Fälle bald wieder bei China in einem Club.“